Zum Inhalt springen
kubli-emv.ch Unabhängiges Online-Magazin · Ausgabe 2026/08

Elektrosmog, elektromagnetische Verträglichkeit und die elektromagnetische Umwelt — sauber recherchiert, verständlich erklärt.

Start › Elektrosmog

Themenfeld · Elektrosmog

Elektrosmog: was der Begriff bedeutet — und was nicht

Von Livia Brandenberger · Redaktorin Baubiologie & Niederfrequenz · Stand: 17. August 2026

«Elektrosmog» ist ein Schlagwort — und trotzdem ein nützlicher Sammelbegriff. Gemeint sind sämtliche elektrischen, magnetischen und elektromagnetischen Felder, die vom Menschen erzeugt werden und aus technischen Quellen in die Umwelt gelangen. Der Begriff stammt aus den 1980er-Jahren und kombiniert «Elektro» mit «Smog». So anschaulich das Wort ist, so vorsichtig sollte man damit umgehen: Dahinter verstecken sich sehr unterschiedliche physikalische Phänomene, Quellen und Wirkmechanismen. Wer sie auseinanderhält, kann die Debatte nüchtern führen.

Zwei Welten: Niederfrequenz und Hochfrequenz

Elektrosmog im weiteren Sinn umfasst zwei grosse Familien. Die niederfrequenten Felder (bis etwa 30 kHz) entstehen um Stromleitungen, Transformatoren, Elektromotoren und Haushaltsgeräte. In der Schweiz dominiert die Netzfrequenz 50 Hz, entlang der Bahnlinien kommt der SBB-Traktionsstrom mit 16,7 Hz dazu. Diese Felder bleiben an ihre Quelle gebunden und nehmen mit dem Abstand schnell ab.

Die hochfrequenten Felder (30 kHz bis 300 GHz) breiten sich als Wellen aus und dienen der Übertragung von Information: Rundfunk, TV, Mobilfunk von 2G bis 5G, WLAN, Bluetooth, DECT-Telefonie, Babyphones, Funkthermometer. Sie durchdringen Wände mehr oder weniger gut und überlagern sich an jedem Ort zu einem Gesamtfeld aus vielen Einzelquellen — vom Sender auf dem Kirchturm bis zum Notebook im eigenen Wohnzimmer.

Quellen im und ums Haus

Die häufigsten niederfrequenten Quellen in Wohnungen sind Zählerschränke und Unterverteilungen, Installationen in Wänden (besonders am Kopfende von Betten), ältere Transformatoren und Netzteile, Induktionsherde und dimmbare Beleuchtung. Hochfrequent dominieren das eigene WLAN und DECT-Basisstationen, unmittelbar gefolgt von den Mobilfunknetzen der Umgebung — in inneren Stadtlagen kommen Messungen zufolge oft Dutzende sendende Netze zusammen.

Sauber verlegter Zählerschrank in einem Schweizer Technikraum: Leitungsschutzschalter und Kabel in Reih und Glied
Zählerschrank und Unterverteilung: meist die stärkste niederfrequente Quelle im eigenen Haus.

Interessant ist die Reihenfolge: Die stärkste HF-Quelle im Haushalt steht meist im eigenen Wohnzimmer, nicht auf dem Dach gegenüber. Wer die eigene Exposition beeinflussen will, hat es deshalb zuerst mit der eigenen Technik zu tun — konkrete Ansätze liefert unser Beitrag Alltagstipps.

Der baubiologische Blickwinkel

Die Baubiologie betrachtet das Gebäude als Lebensraum und untersucht unter anderem «Schlafplatzanalysen»: niederfrequente elektrische und magnetische Felder, hochfrequente Immissionen, Körperströme und «elektrobiologisch» auffällige Installationen. Sie arbeitet mit Vorsorgewerten, die deutlich unter den behördlichen Grenzwerten liegen, weil sie langfristige Minimierung statt nur Kurzzeitschutz anstrebt. Diese Herangehensweise ist bewusst vorsorglich; ihre Richtwerte sind keine amtlichen Limits, sondern Empfehlungen für die Gestaltung von Wohn- und Schlafbereichen. Wie sich das zu den behördlichen Werten verhält, zeigt der Vergleich im Beitrag Grenzwerte.

Stand der Forschung — ehrlich eingeordnet

Wissenschaftlich gesichert ist: Sehr starke Felder wirken — sie erwärmen Gewebe (hochfrequent) oder induzieren Körperströme (niederfrequenz). Die internationalen Grenzwerte schützen vor diesen akuten Effekten. Über mögliche Wirkungen unterhalb der Grenzwerte wird geforscht, ohne dass sich ein konsistenter Nachweis einer schädigenden Wirkung durchgesetzt hätte. Die WHO stuft niederfrequente Magnetfelder und hochfrequente Felder als «möglicherweise krebserregend» ein (IARC-Gruppe 2B) — eine Kategorie für begrenzte Hinweise, die auch eingelegte Gurken und Aloe-Vera-Extrakt umfasst. Diese Einordnung ist ein Forschungsauftrag, kein Alarm.

Aus dieser Unsicherheit folgt die schweizerische Logik der Vorsorge: Wo Wissenschaft nicht sicher ist, senkt man die Exposition, wenn es vernünftig möglich ist. Das ist keine Panikmacher-Position und keine Beruhigungsfloskel — es ist der Versuch, mit begrenztem Wissen umsichtig zu bauen und zu wohnen. Die Primärquellen für diese Bewertung stehen im Quellenverzeichnis.

Merksatz

«Elektrosmog» ist ein Sammelbegriff für nieder- und hochfrequente Felder. Sicher belegt sind Wirkungen starker Felder; für Wirkungen unterhalb der Grenzwerte fehlt der konsistente Nachweis. Die Schweiz regelt mit Schutz- und Vorsorgewerten zweistufig. Wer seinen Alltag optimieren will, beginnt bei den eigenen Geräten — Abstand, Abschirmung und Abschaltung wirken ohne Wegwerfen von Komfort.

Was man sagen kann — und was nicht

Seriöse Information vermeidet zwei Extreme. «Alles ungeprüfte Gefahr» ist falsch, denn die Grundlagen der Feldphysik und die Schutzwirkung der Grenzwerte sind gut untersucht. «Alles ungefährlich, Thema erledigt» ist ebenfalls falsch, denn die Forschung läuft weiter und die Vorsorge ist Ausdruck gesetzgeberischer Umsicht. Dieses Magazin formuliert deshalb bewusst abgewogen: Wir benennen Quellen, Einheiten und Werte — und verweisen für Bewertungen auf die zuständigen Stellen.

Für Fachlesende

Für die Immissionsbewertung massgebend sind die NISV (SR 814.710) samt Wegleitung des BAFU, die ICNIRP-Leitlinien (1998/2010/2020) sowie die EU-Ratsempfehlung 1999/519/EG. Für Messungen am Schlafplatz gelten die Verfahren der baubiologischen Messtechnik nach dem Standard der Ärzte- und Baubiologen-Vereinigungen (SBM) — als Vorsorgeinstrument, nicht als amtlicher Massstab.

Weiterlesen